Syrische Kinder brauchen mehr als herkömmlichen Unterricht
Schüler des JRS-Zentrums von Byblos im Unterricht von Majed Mardini. 500 Kinder erhalten im Zentrum neben der herkömmlichen Schulbildung auch Beratung. (Jacquelyn Pavilon, JRS)

Syrische Kinder brauchen mehr als herkömmlichen Unterricht

JRS Libanon

Beirut, Dezember 2015 – Der sieben Jahre alte Sami hält seinem jüngeren Bruder eine Spielzeugwaffe an den Kopf. Er spielt die Erschießung seiner anderen Geschwister, während diese am Boden kauern. Als er ein Telefon hervorzieht, zeigt er auf das Foto eines Soldaten und sagt, dass er genau so sein möchte, wenn er erwachsen ist. Sami hat in seinem Leben nicht viel anderes gesehen als Krieg.

Als Folge des seit vier Jahren währenden Konflikts gehen ca. 2,8 Millionen syrische Kinder nicht zur Schule. 550.000 von ihnen befinden sich zurzeit im Libanon. Der Krieg lässt sich zwar nicht ungeschehen machen, seine Nachwirkungen können jedoch durch Bildung und Unterstützung gelindert werden. Das JRS-Zentrum in Byblos kümmert sich um fast 500 syrische Flüchtlingskinder und bietet ihnen psychologische Betreuung bis hin zum Friedensunterricht.

Sämtliche Kinder im JRS-Zentrum sind mit dem Krieg in Berührung gekommen. Das Risiko von Angriffen durch Bomben und Mörsergranaten gehörte zu ihrem Alltag. Einige Kinder haben in ihrem Zuhause Gewalt erlebt und die meisten von ihnen leben derzeit in ungeeigneten oder überfüllten Behausungen.

 

Benehmen lernen
„Wenn die Kinder das erste Mal in das Zentrum kommen, ist ihr ‚schlechtes Benehmen‘ ein direktes Ergebnis des Traumas, das sie erlitten haben“, sagt Majed Mardini, ein syrischer Lehrer im JRS-Zentrum von Byblos. Vielen Kindern war in Syrien der Zugang zu Bildung verwehrt, da – gerade in den Dörfern – Soldaten und das Militär die Schulen besetzt hatten.

Es ist mehr als vier Jahre her, seit der Krieg in Syrien ausgebrochen ist. Daher sind einige Kinder seit Jahren nicht mehr zur Schule gegangen. Andere haben nie die Gelegenheit dazu erhalten, mit der Schule zu beginnen. „Das Wichtigste ist“, so der Lehrer, „dass wir damit anfangen, die Kinder psychologisch zu betreuen.“

„Sie brauchen mehr als eine herkömmliche Bildung“, fährt Mardini fort. Ihnen Moral und Benehmen beizubringen, hat Vorrang. Alle Lehrer hier haben auch gleichzeitig die Funktion von Sozialarbeitern. „Viele der Kinder wissen nicht, wie es ist, zur Schule zu gehen. Wir bringen den Kindern bei, sich zu benehmen, miteinander umzugehen, aber vor allem, sich gegenseitig zu mögen.“

 

Ungewisse Zukunft
Selbst jetzt, im Libanon, führen die Kinder ein unsicheres und unstetes Leben. Sie ziehen mit ihren Familien weg, gehen auf neue Schulen, beginnen zu arbeiten oder heiraten sogar.

„Du sieht sie vielleicht heute, aber morgen vielleicht nicht mehr“, sagt Catherine Mora, Syrienflüchtling und Englischlehrerin im JRS-Zentrum von Byblos.

Im selben Haus wie Sami lebt auch die fünf Jahre alte Sabeen*. Durch den Spalt in der Tür kann das Hausbesuchsteam des JRS sehen, wie sie sich unter einer Decke versteckt und weint. „Sie ist traurig, weil sie ihre Cousins vermisst, die von hier weggegangen sind, um zu versuchen, nach Deutschland zu gelangen. Wir wissen nicht, ob und wann wir sie wiedersehen werden“, erklärt Sabeens Mutter.

 

Gemeinschaft herstellen
Die Mitarbeiter des Zentrums versuchen, einen sicheren Raum und eine Gemeinschaft für die Schüler zu schaffen, die alles hinter sich gelassen haben. Das Zentrum organisiert verschiedene Aktivitäten, um den Kindern zu helfen, mit ihrer Vergangenheit und mit ihrer gegenwärtigen Situation zurechtzukommen. Im letzten Monat wurde damit begonnen, Puppen herzustellen, mit denen die Kinder einige ihrer persönlichen Erfahrungen in einer Gruppe nachspielen können.

Die Mitarbeiter des Zentrums haben enorme Fortschritte im Verhalten der Kinder beobachten können, seit diese Programme gestartet worden sind. „Die Kinder sind glücklich hier. Wenn man den Kindern erzählt, dass Ferienzeit ist, sind sie so traurig. Sie wollen keine Ferien. Die Schule ist der einzige Ort, an dem sie Spaß haben, der einzige Ort, an dem sie Frieden finden. Sie möchten keine Zeit zu Hause verbringen, weil das unter Umständen bedeutet, Zeit auf der Straße zu verbringen“, erklärt Mardini.

Das Zentrum bietet auch psychologische Betreuung für die Familien der Kinder, indem es Hausbesuche macht und den Sorgen der Bewohner zuhört. Das Zentrum organisiert außerdem Sitzungen für Eltern, in denen diese u. a. ein besseres Bewusstsein dafür bekommen, wie sie mit ihren Kinder umgehen und wie sie häusliche Gewalt vermeiden können.

 

Nach vorn schauen
Die Erfahrungen, die jedes dieser Kinder in der Vergangenheit gemacht hat, sind für das jeweilige Kind immer einzigartig. Einige verbringen drei Jahre im Zentrum und sprechen nur davon, nach Syrien zurückzukehren. Andere sind älter und denken darüber nach, was die Zukunft für sie bereithält – einen Job finden oder auf eine Universität gehen.

Egal, ob sie sich entscheiden, nach Syrien zurückzugehen oder nicht – „Bildung ist der einzige Weg, eine Zukunft für diese Kinder aufzubauen“, erläutert Mardini, „aber wir müssen ihnen zuerst die Grundlage dafür schaffen.“ Wenn sie zurückgehen möchten, „erzählen wir den Kindern immer, dass sie eine Ausbildung brauchen, denn sie sind diejenigen, die Syrien wieder aufbauen werden.“

 

Jacquelyn Pavilon, JRS-Koordinatorin für internationale Kommunikation

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